Ein Schrei durchschnitt die stille Nacht…

Hamburg. Düsseldorf. Dortmund.

Im Radio schallt es „all I want for Christmas is you“. Die Fenster sind bunt leuchtend geschmückt und in unzähligen Wohnungen Deutschlands strahlen die Weihnachtsbäume in den Wohnzimmern verheißungsvoll, aus den Küchen dringt der verlockende Geruch des Weihnachtsessens. Weihnachten: Fest der Familie und der Liebe. Doch noch bevor die letzte Adventskerze ausgebrannt ist, wird die stille Nacht jäh durchbrochen.

In Düsseldorf und in Dortmund wurde von Femiziden in den Weihnachtstagen berichtet, in Hamburg tötete ein Mann zwei Kinder, die Frau überlebte schwer verletzt. Drei (versuchte) Femizide und ein zweifacher Kindermord in Deutschland in drei Tagen – und das sind nur die Fälle, die wir in den Nachrichten gesehen haben. Das ist wieder die grausame Realität von Familie und Liebe im Patriarchat, entblößt von all dem Weihnachtskitsch nackt vor unsere Augen geworfen.

Heute jährt sich die Kölner Silvesternacht 2015/2016 zum sechsten Mal. Die Nacht, in der unzählige Frauen in einer massenhaften Belästigungsaktion von fremden Männern begrapscht und beklaut wurden, als sie einfach in das neue Jahr hineinfeiern wollten. Genauso unfassbar wie diese zutiefst abstoßende Aktion war die großflächige rassistische Hetze, die darauf folgte. Überall war die Rede von „Migrantengewalt“ und „importiertem Frauenhass“.

Sechs Jahre später sind noch immer nicht alle deutschen Frauen von Flüchtlingen vergewaltigt, entführt und zwangsverheiratet worden, es gibt auch immer noch keine Burka-Pflicht auf deutschen Straßen, wie uns die plötzlich feministischen Faschisten damals voller aufrichtiger Sorge warnten und zu beschützen versuchten. Stattdessen zeigt uns diese blutige Weihnacht mal wieder: Patriarchale Gewalt ist keine Frage der Kultur oder Religion. Deutschland kann sich davor nicht abschotten oder sie abschieben. Denn sie ist innerer Bestandteil jeder kapitalistischen Gesellschaft.

Das wussten wir auch 2016 schon, aber diese Erkenntnis wurde noch einmal auf traurige Weise bestätigt. Lasst uns diesen Tag nutzen, um allen Frauen, die patriarchaler Gewalt zum Opfer gefallen sind, gedenken. Und während die Uhr tickt und sich das neue Jahr mit laufenden Schritten nähert, inmitten von Krise und Pandemie, lasst uns kurz innehalten, bevor wir beim Auspusten der Wunderkerzen unsere Neujahrswünsche in die Welt senden, und uns vorstellen: Wie würde es sich wohl anfühlen, einmal ein wirkliches Fest der Liebe zu feiern? Wenn Liebe die tiefe Verbindung von Menschen und nicht den Besitzanspruch, die Ausbeutung des einen Menschen durch den anderen, bedeuten würde? Ob dieses Fest mit einer Religion verbunden wäre oder nicht… wir würden jeden Tag zum Festtag machen! Und wenn dann alle im Warmen zusammensitzen und sich ihre Ziele und Pläne für das neue Jahr erzählen; ob sie im neuen Jahr Sport machen, einen Job finden, eine Sprache lernen oder endlich vom 10m-Brett im Schwimmbad springen wollen, dann lasst uns nochmal kurz innehalten und uns fragen: Was müssen wir tun, um so ein Fest möglich zu machen?

Eins ist klar: es könnte jede von uns treffen. Seit 2016 steigt die Anzahl der angezeigten patriarchalen Gewalt stetig – und das nicht nur in Deutschland, sondern international.

Seit zwei Jahren arbeiten sich Frauen unter den verschärften Arbeitsbedingungen der Pandemie den Rücken noch krümmer als schon zuvor, arbeiten zuhause weiter, um die vom Homeschooling verrückten Kinder in Frieden zu halten, und erleben als Lohn dafür noch mehr Gewalt als zuvor von Männern, die meinen, ihren Frust über Kurzarbeit, Entlassung, steigende Preise, sinkende Lebensqualität und geschlossene Kneipen an „ihren Frauen“ auszulassen.

Wir können uns diese Welt nicht mehr leisten – bringen wir sie ins Wanken! Eine andere Schlussfolgerung aus 2021 bleibt gar nicht übrig. Lasst uns nochmal in uns gehen. Denken wir an den Frauenkampftag am 8. März und daran, dass Frauen weltweit, von Mexiko über die Türkei bis in die Philippinen, gegen patriarchale Gewalt kämpfen. Solange in dieser Gesellschaft das große Versprechen von „Liebe“ Gewalt, Missachtung und Ausbeutung mit sich bringt, solange werden wir auch für unser Überleben, für unsere Freiheit, ja für das echte Aufblühen der Liebe kämpfen.

Und jetzt könnt ihr die Wunderkerzen wirklich auspusten… frohes Neues, Genossinnen!

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