#metoo

Vor etwa einem Jahr ist eine erneute Welle des #metoo über Deutschland gebrochen, diesmal bezüglich Deutschrap. Hunderte von jungen Frauen teilten ihre Geschichten aus der Szene und dechiffrierten mehrere Täter. Das Patriarchat in der Defensive schlug um sich mit Gewaltandrohungen, Victim-blaming, dem altbekannten Schweigen und Armeen von sexistischen Fans in den Kommentarspalten der Betroffenen. Die Reaktion der patriarchalen Kräfte war nicht anders zu erwarten. Die Hoffnung der Betroffenen auf Verständnis und Reflexion wurde zu Boden getrampelt, ihr Entgegenkommen bespuckt. Ich möchte nochmal daran erinnern, dass sie sich dagegen entschieden hat zu den Bullen zu rennen, anders als die heulenden Täter.

Wie so viele meiner Schwestern hat auch sie noch Hoffnung in die Täter gehabt, sie glaubte an ihre Menschlichkeit, dass sie verstehen könnten was sie getan haben, welchen Schmerz sie verursachen und so etwas wie Reue entwickeln könnten. Ich will nicht sagen, dass es hoffnungslos oder naiv ist, daran zu glauben, nein, denn so haben wir es gelernt. Unser ganzes Leben wird uns beigebracht, dass sie unsere Beschützer sind, dass wir uns kümmern müssen, dass wir Verständnis haben für sie, für ihre Schmerzen, für ihre Probleme und selbst, wenn sie uns weh tun, sie uns lieben. Deshalb verstehen wir sie, deshalb beschützen wir sie, selbst wenn sie unser Vertrauen und unser Verständnis gebrochen und mit Füßen getreten haben. Doch, geliebte Schwester, bitte nimm mir nicht übel, wenn ich sage; selbst wenn er kein Verständnis hat, versteht er. Wir meinen vielleicht, dass er die Tränen nicht gesehen haben kann, das er nicht weiß wie falsch es ist, was er tut, aber er weiß es, jeder von ihnen weiß es, jeder von ihnen hat eine Mutter, eine Lehrerin, eine Schwester. Er kennt unser Leid, doch er erkennt es nicht an, deshalb, wenn du sprichst, ich bitte dich, sprich heute nicht zu ihm, wenn du erklärst, erkläre nicht ihm, er war dabei, er hat gesehen, was passiert ist und wenn du wütend wirst auf mich oder mein Unverständnis nicht teilst, dann bitte erinnere dich, dass sie die Gespräche zuerst abgebrochen haben.

Schreie Laut; die Zeit zu reden ist vorbei! Heute kämpfen wir und wir werden anfangen miteinander zu reden und nicht mehr zu ihnen. Wir werden zu denjenigen gehen, die unsere Schmerzen nicht nur kennen, sondern die uns verstehen, die, die im selben Boot sitzen, dieselbe Wut und dieselbe Enttäuschung erfahren haben. Sie werden unsere Genossinnen für unsere Befreiung sein.

Ich hoffe, geliebte Schwester, dass du mir wirklich glaubst, wenn ich sage ich liebe dich, dass ich gerne da wäre, wo auch immer du bist, wenn du diese Zeilen liest, dass du nichts erklären müsstest, nichts rechtfertigen, weil ich deine Wut schon teile.

In der Türkei schreiben sich die Frauen auf die Fahnen: „Unsere Befreiung gibt es nicht alleine, entweder zusammen oder keine“. Erinnere diejenigen daran, die meinen unsere Wahrheit, ihre eigene Wahrheit, verleugnen zu können. Die Frauen, die meinen das bisschen männlichen Respekt, das bisschen männlicher Schutz, das bisschen männlicher Anerkennung, das sie durch ihren Egoismus und falsche Loyalität erhalten ihre Lage verbessern wird. Sag ihnen; auch ich war loyal, auch ich war verständnisvoll, auch ich war einst so wie du und was hat es mir gebracht? All das fällt zusammen in einem Moment wie ein Kartenhaus.

Doch bleib nicht bei denen die nicht hören wollen, wenn sie wie Männer geworden sind und Augen und Ohren verschlossen haben, wenn wir sie heute nicht öffnen können, dann vielleicht morgen oder etwas anderes wird das schaffen, wozu wir noch nicht in der Lage sind. Glaub mir, liebste Schwester, es gibt Millionen deren Augen offen sind, deren Ohren hören wollen, deren Münder nur noch nach den richtigen Worten suchen und deren Hände bereit sind eine neue Welt zu formen. Geh raus und du wirst sie finden, unten auf der Straße, in den Kneipen und Betrieben, eingepfercht in Küchen und bereit, den nächsten Schlag nicht unbescholten zu lassen.

Wenn du sie gefunden hast, dann bitte ich dich, erinnere dich an die Parole unserer Befreiung und lass auch sie hören. Sie werden wissen was gemeint ist, denn sie haben ihre Wahrheit gesehen und sind bereit sie zu verstehen. Es ist an der Zeit aus Leidensschwestern, Genoss:innen zu machen.

Liebste Genossin, lass mich dich von jetzt an so ansprechen. Du bist diejenige, neben der ich stehen möchte in jeder ersten Reihe, auf jedem Podium, in jeder dunklen Nacht und wenn wir da sind, nicht zu zweit, sondern zu hundert. Du wirst sehen, dass du seine Anerkennung nie gebraucht hast, dass wenn er wimmernd zu dir kommt mit Versprechen und Entschuldigungen, du ihn weg schicken wirst wie einen Hund, denn seine Worte sind nichtig geworden, du selbst hast aus Worten Taten gemacht, von dem ersten Moment an, wo sich die Laute in deinem Mund formt, wo du zum ersten Mal sagtest, auch ich bin betroffen, auch ich bin eine von euch.

Liebste Genossin, noch kann ich nicht deine Hand halten, für dich sind auch dies nur Worte ohne Taten, auf Papier, aber ich bitte dich mir zu vertrauen, dass ich die Wahrheit sage, dass ich all das bereits kennengelernt habe und bitte glaube mir, wenn ich sage, auch ich war und bin so wie du.

All die Demütigung und den Schmerz habe ich kennengelernt und habe verstanden, dass nicht sie meine Verbündeten und Beschützer sind, sondern du. Jedes Wort, das ich an ihn gerichtet habe, hätte ich an dich richten sollen, sodass wir eines Tages gemeinsam die Worte hinter uns lassen und unsere Taten sprechen lassen können.

Der Weg, den ich vorschlage, ist nicht kurz, aber du wirst sehen, wie die Schwere Stück für Stück, mit jedem Schritt, mit dem du dich von seiner Macht entfernst, von dir abfällt und wie viel einfacher sie zu tragen ist, wenn du es nicht mehr alleine tust.

Denn ohne dich, ist auch für mich so viel schwerer weiterzulaufen.

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