Alle drei Tage: Warum Männer Frauen töten

Femizid – ein Phänomen, wenn Frauen von Männern, meistens von engen Familienmitgliedern wie ihren (Ex)Partnern, aufgrund ihres Geschlechts getötet werden. Der Begriff, der erst 2020 vom Duden offiziell aufgenommen wurde, soll gemeinsame Merkmale hinter diesen Morden aufzeigen: Merkmale, die es bei männlichen Mordopfern so nicht gibt. Eine aktuelle Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) belegt, dass die Gewalt in Partnerschaften im Jahr 2020 um 4,9% gestiegen ist als im Vorjahr. Laut den aktuellen BKA-Zahlen registrierten Behörden im vergangenen Jahr bundesweit 148.031 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte. Eine genaue Angabe über die tatsächlichen Fälle ist das jedoch nicht, die Dunkelziffer lässt sich nur mutmaßen. Bei 80,5%, also vier von fünf Opfern, handelt es sich um ein weibliches Opfer. 139 Frauen wurden getötet. Statistisch gesehen wurde jeden dritten Tag eine Frau durch die Hand ihres (Ex-)Partners ermordet. Es wird hier vom Zwei-Geschlechtersystem gesprochen, da Statistiken nur von Männern und Frauen ausgehen. Ein weiteres strukturelles Problem, denn auch Transfrauen erleben täglich Gewalt. Der Widerstand gegen die institutionell festgelegte Zweigeschlechtlichkeit ist mit der Gewaltbekämpfung eng verbunden. Was die Statistiken auch nicht zeigen, ist die Abbildung der Motivation der Täter. Dabei ist solch eine wichtig, um vorbeugende Ansätze entwickeln zu können.

Pandemie-Horror

Während des Corona-Lockdowns wurden nur leichte Anstiege an Partnerschaftsgewalt polizeilich registriert. Grund dafür sind definitiv die Corona-Beschränkungen, die es erschweren, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, sowie der eingeschränkte Kontakt zu nahestehenden Personen, die Situationen nicht mehr beurteilen können. Die Auswertungen des bundesweiten Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“ zeigen, dass 2020 15 Prozent mehr Beratungen als 2019 in Anspruch genommen worden sind. Das entspreche 51.000 dokumentierten Anrufen. Daraus folgt, dass die Dunkelziffer der tatsächlich bedrohten Frauen während der Pandemie weitaus höher liegt als die durch die BKA-Statistik erfassten Fälle.

Misstrauen gegenüber Institutionen

Trotz der scheinbar so emanzipierten Fassade nach außen hin, befinden wir uns auch hier in Europa in derselben patriarchalen Gesellschaftsordnung wie überall auf der Welt auch, die sich unter anderem in den bürgerlichen Gesetzen widerspiegelt. Erst seit 2007 wurde mit der neuen Reform des Paragraphen 238 Strafgesetzbuch Stalking strafbar. Alle unerwünschten Nachstellungen gelten jetzt als Straftat, zu einer Veränderung der Lebensumstände der Frau kam es aber nicht. Drei von fünf Frauen zeigen Stalking nicht an, da sie von einer systematischen Angst geprägt sind, dass ihnen die Polizei nicht glauben wird. Zudem rechnen sie damit, dass die Gewalt eher steigen würde, wenn sie den Täter bei der Polizei anzeigen. In Fällen von Femiziden stellt die Polizei oftmals keine Zusammenhänge dar, Victim-Blaming kommt natürlich auch nicht zu selten vor. Wir sehen, dass Staatsgewalten keinerlei Interesse daran haben, Frauen vor patriarchaler Gewalt zu schützen und Täter zur Rechenschaft zu ziehen. So wird auch an der Realisierung der Istanbul-Konvention in das deutsche Rechtssystem deutlich, dass die Umsetzung scheitert. Die Istanbul-Konvention ist ein Übereinkommen des Europarats mit verbindlichen Rechtsnormen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Der 2011 ausgearbeitete völkerrechtliche Vertrag umfasst 45 Staaten. In Deutschland trat das internationale Gesetz erst 2018 in Kraft, sieben Jahre nach der Unterschrift. Doch der Bundesgerichtshof orientiert sich immer noch nicht an der Istanbul-Konvention bei der Verurteilung von Tätern: Wenn sich die Frau vorher vom Mann getrennt hat, wirkt sich dies strafmindernd beim Täter aus. Wenn bei der Rekonstruierung der Tat die Justiz sich darauf konzentriert, von wem die Trennung als erstes ausging, kann man nur von einem patriarchalen Rechtssystem sprechen. Diese Herangehensweise kann man mit der “Was hattest du an?”-Frage bei sexuellen Belästigungen und Vergewaltigungen vergleichen. Zudem werden Femizide als Trennungstötungen benannt und nicht als Mord eingestuft – für Totschlag gibt es auch nur 5 Jahre. Das patriarchalische Denken zieht sich weiterhin durch die Gerichte und die Verwaltung des Problems wird zur Dauerschleife. Die Täterarbeit in Deutschland gleicht eher einer homöopathischen Dosis als einer tatsächlichen Gewaltbekämpfung. 

 Wann ist Geschlecht ein Motiv?

“Er hat dich gern, wenn er dir weh tut.” Patriarchalische Muster werden schon in der frühkindlichen Erziehung an die Gesellschaft weitergetragen, doch Liebe ist nie mit Gewalt verbunden. Mädchen werden unterwürfige Geschlechterrollen nahegelegt und auch Jungs müssen in das starke männliche Bild passen, um die Unterdrückung der Frau garantieren zu können. Und genau diese stereotypischen binären Geschlechtermuster sind ein grundlegender Punkt bei Männern: Wenn Männer keinen Umgang mit Gefühlen erlernen, dienen Emotionen als Treibstoff für Femizidtäter. Auch die Medienlandschaft versagt massivst in der Berichterstattung. Sie romantisieren Femizide, benennen sie nicht nach den tatsächlichen Fakten. Begriffe wie “Rosenkrieg”, “Eifersuchtsdrama” und “Verbrechen aus Leidenschaft” verharmlosen Femizide und schützen nicht die betroffenen Opfer. Femizide sind nur durch die Geschlechterkomponente gekennzeichnet, die Herkunft des Täters oder auch die soziale Schicht spielen dabei keine Rolle – Medien sehen aber vor allem bei Ehrenmorden eben nur die Herkunft des Täters. Zusätzlich füttern True Crime Medien den schaulustigen Genuss der Leserschaft, wobei die Perspektive der Frau häufig vernachlässigt wird. Femizide müssen endlich nach ihrem Namen benannt werden: Bei Femiziden handelt es sich nicht um plötzliche, spontane Handlungen – Femizide sind Morde, die gezielt Frauen betreffen. 

Die Spitze des Eisbergs

Femizide sind kein Drama oder gar eine Tragödie: Hinter Femiziden steckt das Phänomen der häuslichen Gewalt – einem patriarchalen Kontrollsystems des Mannes aus Demütigungen, Drohungen und körperlicher Gewalt. Der Mord einer Frau ist nur die Spitze des Eisbergs, die letzte Form von häuslicher Gewalt und eines patriarchalen Beziehungsverhältnisses, eingebettet in Muster von Macht, Kontrolle und Dominanz.

Männlicher Gewalt ein Ende setzen

Eine Frau, welche der von der Gesellschaft zugeschriebenen Rolle einer gehorsamen, unterwürfigen Frau nicht entspricht, scheint dem Mann als ein Dorn im Auge. Er fühlt sich entmännlicht, seines Kontrollzwangs beraubt. Insbesondere macht sich dies in Beziehungen bemerkbar, denn die patriarchalischen Besitzansprüche des Mannes können mit einer selbstbestimmten Partnerin nicht mehr ausgelebt werden. Warum kann Gewalt an Frauen nicht einfach beseitigt werden? Weil sie eine Konsequenz des patriarchalen kapitalistischen Systems ist:

Es sind die bürgerlichen Institutionen, die von der unbezahlten Hausarbeit, welche die Frau schon seit Jahrtausenden leisten muss, also von dem geringen Wert ihrer Arbeitskraft enorm profitieren. Nicht nur das, es geht sogar darüber hinaus: Der Kapitalismus profitiert nicht nur von der patriarchalen Unterdrückung, er ist auch gänzlich darauf angewiesen. Jeder sexistische Angriff durch unsere unmittelbaren Unterdrücker, den Männern, wird von den Institutionen befeuert, denn die Gewalt gegen uns dient zur Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung. Wenn wir Frauen uns befreien, würde der patriarchale Kapitalismus mit einem Schlag zugrunde gehen. Daher werden kapitalistische Institutionen niemals dazu in der Lage sein, Gewalt gegen Frauen wirksam zu bekämpfen, das können nur wir Frauen selbst tun: Nur die Frauenrevolution wird mit der Zerschlagung der patriarchalen, kapitalistischen Verhältnisse unsere Befreiung hervorbringen können.

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