„Maid“ – Die Lebens- und Leidensgeschichte einer Putzfrau

Es ist mitten in der Nacht in einem Wohnwagen irgendwo in einem armen Viertel in den USA: Eine junge Frau steht auf, stellt sicher, dass der Mann neben ihr schläft, nimmt ihre dreijährige Tochter und verschwindet in Windeseile in die Nacht. Die Geschichte der jungen Mutter Alex beginnt – zumindest die Geschichte über den schwersten Abschnitt ihres Lebens.

Mit der im Oktober letzten Jahres erschienenen Netflix-Produktion „Maid“ wird das Leben von Alex, das auf einer wahren Begebenheit beruht, gezeichnet. Es ist die Geschichte einer Frau, die von einer Karriere als Schriftstellerin träumt, der aber viele Steine auf diesen Weg gelegt werden. Sie muss sich mit null Dollar auf ihrem Konto, ihrem manipulativen Partner und ihrer psychisch kranken Mutter, um die sie sich ihr ganzes Leben lang kümmern musste, herumschlagen. Auf ihren Vater ist ebenfalls kein Verlass: Er war auch gewaltvoll in der früheren Ehe und jetzt unterstützt er den gewalttätigen Partner seiner Tochter anstatt Alex. Eigenständig beschließt sie, aus der toxischen Beziehung auszubrechen und sich die Grundlage für ein unabhängiges Leben aufzubauen. Die harte Arbeit als Putzfrau für reiche Haushalte beginnt.

Die Serie schafft es auf eindrucksvolle Weise, die Zuschauer:innen abzuholen und eine emotionale Verbundenheit zu allen Charakteren, ob positiv oder negativ, herzustellen. Bei genauerem Hinschauen kommen jedoch schnell einige Fragen, auf welche die Netflix Serie keine – oder die falschen – Antworten findet.

Achtung: Der folgende Teil enthält Spoiler zur Serie!

Zunächst muss gesagt werden, dass das Thema häusliche Gewalt mit all ihren vielfältigen Erscheinungen von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Alex‘ Partner, mit dem sie im Wohnwagen lebte, hat sie jahrelang manipuliert und emotional missbraucht, sodass sie am Ende nicht mal ein eigenes Bankkonto hat und von der Außenwelt gänzlich abgeschottet ist. Beim ersten Schlag gegen die Wand während eines der vielen Wutausbrüche des Mannes ergreift sie schließlich die Flucht. Nach einer Nacht auf der Straße mit ihrer Tochter landet sie in einem Frauenhaus, wo sie auf viele andere Frauen trifft, welche ein ähnliches Schicksal teilen. Durch Einflüsse von außen wird ihr jedoch immer wieder vermittelt, dass der Mann doch gar nicht gewaltvoll wäre, dass er nur eine harte Zeit durchmache und ihren Beistand brauchen würde. Fast beginnt sie, ihre Entscheidung, entflohen zu sein, zu bereuen. Doch eine Freundin aus dem Frauenhaus bringt es treffend auf den Punkt: Gewalt in Partnerschaften taucht nicht von jetzt auf gleich auf. Sie wächst, wie Schimmel, allmählich und wird immer offensichtlicher – erst die Beschimpfungen, dann der Schlag gegen die Wand und schließlich der erste Schlag ins Gesicht.

Auch Alex‘ Kampf für das alleinige Sorgerecht der Tochter im Gericht wird gezeigt; wie die Justiz psychische Gewalt nicht als häusliche Gewalt und Gefährdung einstuft und wie die Richter dem gewaltvollen Partner glauben und nicht ihr – all das keine Ausnahme, sondern fester Bestandteil der patriarchalen Justiz überall auf der Welt.

Schließlich schafft es Alex jedoch, aus der Hölle zu entkommen, unter anderem, indem eine reiche Frau, deren Villa sie putzt, ihr hilft und ihr ein Stipendium in einer anderen Stadt verschafft – ein scheinbares Happy End. Doch kann dieses Ende wirklich die Lösung sein? Sollte das Ziel einer jeden Frau sein, individualistische Karrierepläne zu verfolgen und all das Leid um sich herum zu ignorieren? Und vor allem: Schafft es eine Frau aus der Spirale von Armut und Gewalt auszubrechen und Karriere zu machen, wenn sie nur stark und zielstrebig genug ist?

Die Antwort lautet: Nein. Wir leben in einem System, das auf unsere Unterdrückung und Ausbeutung angewiesen ist. Es ist darauf angewiesen, dass Menschen wie Alex arm und Menschen wie diejenigen, deren Häuser sie putzt, reich sind. Dies ist eine der größten Schwächen der Serie. Sie macht nicht deutlich, dass der enorme Reichtum der Frau, für die Alex hauptsächlich putzt, unmittelbar mit Alex Armut zusammenhängt. Sie ist reich, weil Alex arm ist. Wir leben in einem System, das von unserer Ausbeutung lebt. Und zwar nicht nur in demselben Maße wie männliche Arbeiter, sondern auch aufgrund unseres Frauseins. Dass Alex sich als Putzfrau zu Tode arbeiten muss, hat System. Dass Alex sich um alle Familienmitglieder kümmern muss, hat System. Dass Alex durch ihren Partner Gewalt erfährt, hat System. Somit ist es eine Illusion zu glauben, dass alle es schaffen und sich ein wohlhabendes Leben fernab von Armut und Gewalt aufbauen können, wenn alle nur hart genug arbeiten würden.

Was wäre ein besseres Ende der Serie gewesen? Vielleicht ein solches, wo sich Alex im Frauenhaus mit anderen Frauen zusammenschließt, sie ihre gemeinsame Unterdrückung erkennen und gemeinsam dagegen aktiv werden. Ein solches, wo nicht die eigene Karriere, die „Girlboss“-Mentalität, im Vordergrund steht, sondern Frauensolidarität. Ich denke, folgender Spruch bringt es auf den Punkt: Unsere Befreiung gibt es nicht alleine – entweder zusammen oder keine!

Natürlich würde Netflix, ein kapitalistisches Unternehmen mit dem einzigen Ziel der Profitmaximierung, niemals eine Serie mit einer solchen Message herausbringen. Nichtsdestotrotz ist „Maid“ eine bewegende Serie, welche das Schicksal, das etliche Frauen miteinander teilen, zeigt. Sie schafft es auf einem künstlerisch sehr hohen Niveau die wahre Geschichte von Alex auf berührende Art und Weise zu vermitteln. Die Serie kann auch, wenn man sie unter den richtigen Gesichtspunkten analysiert, als Anstoß dienen, aus all den vereinzelten Frauen, die in Küchen und Wohnungen eingesperrt sind, sich gegenseitig unterstützende Genossinnen zu machen. Genossinnen, die Tätern, dem kapitalistischen und patriarchalen System den Kampf ansagen.

Wie hat euch die Serie „Maid“ gefallen? Teilt eure Meinung gerne mit uns!

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