Afghanistan – vergessenes Leid, anhaltender Widerstand

Wirtschaftskrise, Hungersnot, Terroranschläge und massive Einschränkung der Rechte von Frauen – seit die NATO-Truppen im August letzten Jahres Afghanistan in Windeseile verließen und das faschistische Taliban-Regime die Macht ergriff, befindet sich das Land in einer stetigen Abwärtsspirale. Die neuen alten Machthaber beeilten sich, gegenüber der Weltgemeinschaft zu beteuern, man werde die Rechte der Frauen achten. Doch allen anfänglichen Versprechen und Versicherungen zum Trotz verschlimmert sich seitdem die Situation afghanischer Frauen von Tag zu Tag.

„Die Welt vergisst uns“, sagt eine bekannte afghanische Judokämpferin, die mittlerweile nach Kanada geflohen ist. Sport ist allerdings nur eines von vielen Dingen, die den Frauen unter der Talibanherrschaft verwehrt bleiben. Sie dürfen ohne männliche Begleitung nicht das Haus verlassen, Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule und seit einigen Tagen gibt es auch noch eine Burkapflicht, der zufolge Frauen im öffentlichen Raum das Gesicht und den Körper gänzlich verhüllen müssen. Gleichzeitig wird das Land, insbesondere die Hauptstadt Kabul, von einer Reihe von Terroranschlägen geplagt. Innerhalb von knapp zwei Wochen sind insgesamt rund 200 Menschen durch brutale Anschläge auf Moscheen und auf eine Schule ums Leben gekommen. Wem die Anschläge zuzurechnen sind, konnte bislang nicht endgültig geklärt werden. Vieles spricht jedoch dafür, dass der IS dahinter steckt. Und es kommt noch schlimmer! Als eines der ärmsten Länder der Welt, in dem Familien zum Überleben teils ihre Kinder verkaufen müssen, hat Afghanistan aktuell mit einer massiven Nahrungsmittelknappheit und einer daraus resultierenden allgemeinen Hungersnot zu kämpfen. Hunderttausende sind akut vom Hungertod bedroht. Währenddessen ist brutale Repression die einzige Antwort der patriarchalen Gewaltherrschaft Talibans auf die existenzielle sozioökonomische Krise. Leidtragende in mehrfacher Hinsicht sind Frauen und die LGBTI+ Community. Zusätzlich zur allgemeinen Not, der katastrophalen Sicherheitslage und der massiven politischen Repression sind sie täglich zu Hause und im öffentlichen Raum einer brutalen patriarchalen Unterdrückung auf allen Ebenen ausgesetzt. Die radikale patriarchale Ordnung duldet keine geschlechtliche Diversität. Jeder Abweichung von der Geschlechterordnung wird mit rücksichtsloser Härter entgegnet. In den Vorstellungen der Talibanbanditen darf es nur heterosexuelle Männer und Frauen geben. Erstere sind weitgehend entrechtete Untertanen, während zweitere als sprechende Nutztiere betrachtet und behandelt werden, die einzig und allein dem Wohl der Männer zu dienen haben.

Über diese entsetzliche Krise in Afghanistan, die vor allem Frauen besonders hart trifft, bekommen wir hier kaum etwas mit. Während und unmittelbar nach der Machtübernahme der Talibanhatte die Afghanistankrise im letzten Sommer für wenige Tage die Medien hierzulande beherrscht, aber schon sehr bald verlor sie an Bedeutung für die bürgerliche Berichterstattung. Auch die wenigen Solidaritätsaktionen, die von Teilen der linken Szene veranstaltet wurden, verebbten relativ zügig. Seitdem herrscht absolute Funkstille in Sachen Afghanistan. Im Zuge der Ukrainekrise ist für bürgerliche Medien ohnehin die restliche Welt, darunter auch Afghanistan, vollkommen in den Hintergrund gerückt. Zurzeit ist Ukraine alles, was wir zu hören und sehen bekommen. Da bleibt kein Raum für die Auseinandersetzung mit der aktuellen Krise Afghanistans und ihren rasanten Entwicklungen.  

Die Gleichgültigkeit imperialistischer Staaten gegenüber dem Schicksal des afghanischen Volkes ist unerträglich und darf gleichzeitig nicht im Geringsten überraschen. Es ging ihnen nie um Demokratie und Menschenrechte – und schon gar nicht um Frauenrechte. Die zwanzigjährige militärische Besatzung Afghanistans durch Armeen der NATO-Mitgliedsstaaten hat den Graben zwischen Arm und Reich weiter vertieft, Hass und Gewalt geschürt und den Boden geebnet für das Wiedererstarken ehemaliger Gewaltherrscher, denen man das zerrüttete Land auf dem Tablett serviert hat. Es sind weiterhin auch amerikanische und deutsche Waffen, mit denen die Taliban und der IS unschuldige Menschen ermorden. Wenn jetzt hier und da wieder Stimmen zu hören sind, die mit Verweis auf die schlimme Lage der afghanischen Frauen eine westliche Intervention fordern, dürfen wir uns nicht täuschen lassen. Die jetzige Krise Afghanistans wird sich genauso wenig durch imperialistische Interventionen lösen lassen wie alle Bisherigen. Imperialistische Invasionen lösen kein einziges Problem und erschaffen zahlreiche neue Probleme, mit denen sich unterdrückte Völker zusätzlich herumplagen müssen. Da hilft es auch nicht, wenn die Kriegspolitik in heuchlerischer Art und Weise als feministische Außenpolitik daherkommt.

Was einen Lichtblick für Frauen, für die LGBTI+ Community und für das ganze afghanische Volk darstellt, ist der enorme Kampfwille vor allem junger afghanischer Frauen. Es gehört unbeschreiblich viel Mut dazu, sich in der gegenwärtigen Situation offen gegen das Regime aufzulehnen. Jede Demonstration, jede Protestaktion bedeutet unmittelbare Lebensgefahr für die Teilnehmer:innen. Und doch erreichen uns immer wieder Videos von Demonstrationen junger Afghaninnen, die für ihre Rechte auf die Straße gehen und lautstark die Taliban herausfordern. In ihrer Unerschrockenheit und ihrer Kampfbereitschaft steckt der Keim der afghanischen Frauenrevolution. So, wie sich Frauen in Rojava bewaffneten und selbst gegen den IS in den Krieg zogen, um nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben für alle Frauen zu verteidigen, so müssen sich auch die Frauen in Afghanistan selbst organisieren und den Kampf gegen Patriarchat, Gewaltherrschaft und Imperialismus selbst in die Hand nehmen. Laut der revolutionären Frauenorganisation RAWA (Revolutionary Association of Women of Afghanistan) ist eine überwältigende Mehrheit der afghanischen Bevölkerung gegen die Herrschaft der Taliban. Es gilt, die stille Mehrheit zum aktiven Widerstand zu bewegen. Niemand wird den Freiheitskampf afghanischer Frauen an ihrer Stelle kämpfen. Je früher sie sich dieser Tatsache bewusst werden, umso näher rückt ihr Siegestag.

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