In allen Farben kämpfen wir! – Interview mit Pride Rebellion

Frage: Wer ist Pride Rebellion?

Pride Rebellion ist eine antikapitalistische LGBTI+ Organisation. Wir sind Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 17-25 Jahren, aber offen für alle Menschen von 13-29. Wir wollen eine eigene Organisation schaffen, in der wir LGBTI+ Jugendliche besonders ansprechen: Wir hatten schon lange das Bedürfnis, uns auszutauschen über gemeinsame Erfahrungen und Probleme, gemeinsam gegen Hassgewalt und andere Unterdrückung zu kämpfen. Pride Rebellion ist kein weiteres Christopher Street Day-Komitee, das einmal im Jahr Party macht und Glitzerkonfetti in die Luft wirft und dann denkt, damit wäre alles getan. Wir haben den Anspruch, wirklich zu kämpfen: Für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Freiheit und Anerkennung unserer Existenzen. Wir wollen eine Anlaufstelle sein für alle Menschen, die sich als Teil der LGBTI+ Community sehen oder ihre Geschlechtsidentität/sexuelle Orientierung in Frage stellen (questioning) und die sich gegen Unterdrückung von LGBTI+ sowie gegen jegliche andere Form der Unterdrückung organisieren wollen.

F: Warum stellt ihr eine Altersbegrenzung auf?

Pride Rebellion richtet sich explizit an Jugendliche. LGBTI+ Jugendliche hinterfragen sich häufiger, finden aber seltener Antworten. Wir wollen ihnen diese Antworten geben, mit einer revolutionären Perspektive dazu. Die Realität von LGBTI+ Jugendlichen ist fast überall auf der Welt gleich: In der Schule werden LGBTI+ Themen nicht behandelt, das heißt, es entstehen große Wissenslücken und eine Unsicherheit bezüglich LGBTI+ Themen und dem eigenen LGBTI+ Sein. Das wollen wir aufbrechen, genauso wie die feudalen Familienverhältnisse, denn die meisten Familien reagieren sehr negativ auf das Outing der Kinder, teilweise ist es so schlimm, dass sie verstoßen werden. Diese ersten Erfahrungen wollen wir mit Pride Rebellion kollektiv politisch aufgreifen. Wir können LGBTI+ Jugendlichen kein sicheres Zuhause geben, aber einen Rahmen, indem sie gegen diese Form der Unterdrückung kämpfen können, mit dem Ziel, dass der Heterosexismus, den wir alle erfahren, gesamtgesellschaftlich überwunden wird.

Für uns haben Jugendliche eine besondere Triebkraft im revolutionären Kampf. Sie sind diejenigen, die unsere Gesellschaft formen und verändern werden. Dieses Potenzial sehen wir in allen Jugendlichen, egal ob Schüler:innen, Studierende oder Auszubildende. Bei den Jugendlichen, die aus der Arbeiter:innenklasse kommen, sehen wir eine größere Notwendigkeit sich zu organisieren.

F: Warum habt ihr euch gerade jetzt gegründet?

Nach zwei Jahren Pandemie ist die Vereinzelung in der Jugend, besonders aber unter LGBTI+ Jugendlichen, sehr stark. Es gibt kaum Räume, in denen man zusammenkommen und sich austauschen kann. Wir wollen einen Raum gegen die Vereinzelung und für Solidarität miteinander schaffen. Es geht uns aber natürlich nicht nur darum, dass es uns gut geht und wir uns austauschen können. Es gibt etliche Probleme, die wir angehen müssen: Gewalt gegen LGBTI+ ist immer noch trauriger Alltag in Deutschland. Vor wenigen Wochen wurde eine 15-jährige junge trans Frau auf offener Straße von Gleichaltrigen zusammengeschlagen. Letztes Jahr hat die iranische geflüchtete trans Frau Ella Nik Bayan sich aus Protest gegen ihre unmenschlichen Lebensumstände auf dem Berliner Alexanderplatz selbst angezündet. Wir wollen Ella unvergessen machen!

Faschistische Kräfte wie die AfD werden seit Jahren immer stärker und bedrohen die Rechte, die wir uns hart erkämpft haben, essenziell. Nicht nur das, sie leugnen unsere komplette Existenz! Aber nicht nur die faschistischen Kräfte greifen unsere LGBTI+ Identität an, die neoliberale Bundesregierung tut auch ihr Bestes, um LGBTI+ für sich zu vereinnahmen, ohne uns im Gegenzug auch nur ein bisschen was hinzuwerfen. Die Abstimmung über die Abschaffung des sogenannten Transsexuellen-Gesetzes (kurz TSG) wird auf unbestimmte Zeit verschoben und Gelder, die eigentlich an LGBTI+ Projekte und Förderungen gehen sollten, gehen nun an die Bundeswehr. In diesen Zeiten wollen wir eine Organisation gründen, die gegen Gewalt und Repression gegen LGBTI+ kämpft, anstatt die Versprechungen der Bundesregierung zu feiern, die sie selbst nicht mal umsetzen wollen.

Wir wollen in den Städten, in denen wir uns organisieren, ausdrücklich auch LGBTI+ Personen ansprechen, die sich sonst nicht für den politischen Kampf organisieren würden.

F: Wo findet man euch?

Derzeit gibt es uns in Duisburg und in Hamburg, zwei Städte in Deutschland mit einer sehr unterschiedlichen LGBTI+ Realität. Wir haben uns in den Städten aus unterschiedlichen Gründen zusammen gefunden: Einmal aus Mangel einer Alternative an LGBTI+ Angeboten, aber auch aus dem Willen, eine politische Arbeit überhaupt erst zu schaffen und einmal trotz eines riesigen Angebotes für LGBTI+, was von einer Überzeugung unserer Linie und unseres Kampfes zeugt. Der Fokus für die Arbeit in den Städten ist zufällig entstanden. Das liegt vor allem an unserem Umfeld und den Menschen, die ernsthaftes Interesse an uns und an LGBTI+ Arbeit zeigen. Wir hoffen, dass wir bald auch in anderen Städten LGBTI+ Arbeiten mit Pride Rebellion aufnehmen können.

Natürlich findet man uns auch auf Instagram, wo wir Aufrufe, Bilder von Aktionen, aber auch unsere politisch-theoretischen Grundsätze, unsere Organisationsmeinung zu bestimmten Themen und eine laufende Kampagne zu Stonewall posten.

F: Was ist euer politischer Grundsatz?

Es gibt spezifisch Themen, die nur durch LGBTI+ Arbeit angegriffen werden können: Wir richten uns gegen das Blutspendeverbot gegen homosexuelle Männer, gegen das repressive Transsexuellen-Gesetz, das es trans Personen erschwert, ihren Personenstand ändern zu lassen. Das ist für uns ein Einschnitt in das Selbstbestimmungsrecht, das wir für alle Menschen gleich fordern. Wir sagen dem Heterosexismus den Kampf an! Schluss mit Diskriminierung und Gewalt, egal ob auf der Straße, im Alltag oder vom Staat. Gewalt gegen LGBTI+ steigt, das zeigen uns die aktuellsten Berichte und auch in unserem Alltag kämpfen wir viel gegen LGBTI+ feindliche Äußerungen an. Gerade hier sehen wir großen Handlungsbedarf und die Notwendigkeit, dass sich LGBTI+ Personen kollektiv dagegen wehren. Dabei werden uns die Versprechen der Regierung nicht helfen, genauso wenig wie die Produkte, die uns die Regenbogenkapitalisten zum Pride Month hinschmeißen, damit wir ihnen Geld in die Tasche spülen. Der Kampf gegen Heterosexismus und Pinkwashing wird nicht auf dem Markt geführt, sondern auf unseren Straßen!

Wir stehen gegen das Pinkwashing der Konzerne, politischen Parteien und der Bundeswehr, die alle einen Platz auf den CSD-Paraden haben. Der größte Betreiber von Pinkwashing ist in unseren Augen die neoliberale Bundesregierung, die in ihrem Wahlkampf unzählige Versprechungen gemacht hat, die sie jetzt alle nicht einhält. Ein Millionenpaket, das für LGBTI+ Projekte angedacht war wird nun in die Aufrüstung der Bundeswehr gesetzt. Wir kämpfen gegen die Diskriminierung an Schulen, Universitäten und Ausbildungsstätten, gegen die Gewalt auf der Straße und gegen die Polizei, die als Unterdrücker und Gewalttäter einen regenbogenfarbenen Anstrich bekommen soll.

Als antikapitalistische Organisation setzen wir uns revolutionäre Forderungen und Ansprüche. Wir betrachten alle Aspekte des Klassenkampfes: Teuerungen und Lohnausfälle, Miete und Wohnen, Arbeit und Ausbeutung aus der LGBTI+ Perspektive. Bisher gibt es wenig Überschneidungen zwischen LGBTI+ Themen und Klassenkampf, das wollen wir ändern und LGBTI+ zum festen Teil des Klassenkampfes machen. Dabei nehmen wir uns Beispiele an den Bewegungen und Kämpfen, die international geführt werden: In der Türkei sind LGBTI+ Personen seit den Gezi Park Protesten 2013 immer mehr in den dortigen Klassenkampf eingebunden, sie sind zu einer ernstzunehmenden Kraft geworden.

F: Ihr bezeichnet euch als revolutionäre LGBTI+ Organisation, wie drückt ihr das in eurem politischen Alltag aus?

In Zeiten des Krieges und der Krisen werden wir aktiv antimilitaristisch arbeiten. Wir sagen Nein zum Krieg, Nein zu deutscher Kriegsbeteiligung und Nein zur NATO. Der Krieg in der Ukraine wirft uns erneut vor Augen, welches Schicksal LGBTI+ in Kriegen erleiden, von Fluchtverboten, über Angriffe gegen LGBTI+ Aktivist:innen und normale Menschen. Wir sehen Krieg als höchste patriarchale und kapitalistische Gewalt und setzen uns für richtigen Frieden ein und der wird erst eintreten, wenn das Ausleben der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität kein Kriegszustand mehr ist!

Wir denken, dass LGBTI+ kollektiv als LGBTI+ der Arbeiter:innenklasse kämpfen müssen, um ihre Forderungen durchsetzen zu können und ein befreites Leben in einer befreiten Gesellschaft führen zu können. Dabei dürfen wir uns nicht auf die Kapitalisten einlassen und uns in ihr bürgerliches System einfügen, das nur dazu da ist, um uns in unserer LGBTI+ Identität an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Das wollen wir nicht zulassen. Wir kämpfen gemeinsam als Organisation dagegen an und gegen die Tendenzen, die LGBTI+ vereinzelt agieren lassen.

LGBTI+ auf der ganzen Welt erfahren Repression, das wollen wir spezifisch aufgreifen in Solidarität mit den (ehemaligen) politischen Gefangenen wie Sarah Hegazi, den Aktivist:innen, wie Hande Kader oder Marsha P. Johnson, den Verbündeten wie Aydan Ezgi Salci und mit den Guerillas, wie Ivana Hoffmann und Okan Altunöz. LGBTI+ haben eine Geschichte des Widerstandes, diese wollen wir in Deutschland bekannt machen. Wir gedenken den Leuten, die bereits vor uns gekämpft haben und nehmen ihren Kampf in unserem Alltag und unserer politischen Arbeit auf. Dabei ist es für uns ganz besonders wichtig, dass wir uns als Internationalist:innen verstehen, die zu den LGBTI+ Kämpfen auf der ganzen Welt arbeiten und von gegenwärtigen und vergangenen Bewegungen und Organisationen lernen. Für uns gilt: Gemeinsam sind wir stark, nur gemeinsam können wir uns wirklich befreien.

F: Wie steht ihr zum Frauenkampf?

Frauen sind unsere Verbündeten im Kampf für unsere Befreiung. Wir bekämpfen gemeinsam die Wurzel unserer Unterdrückung und dürfen unsere Kämpfe nicht getrennt voneinander betrachten. Trotzdem gründen wir eine eigenen Organisation für LGBTI+ Personen, weil die Kämpfe auf einer unterschiedlichen Ebene geführt werden müssen. Wir richten uns ganz explizit gegen den Heterosexismus, der uns als LGBTI+ Personen diskriminiert, Frauen kämpfen gegen das komplette patriarchale System. Der Frauenkampf ist dafür notwendig, weil LGBTI+ nicht homogen sind: Unter LGBTI+ Personen zählen auch Männer und unter uns finden sich Menschen, die kein Interesse am Frauenkampf haben. Allein können wir unsere Befreiung nicht erreichen, aber als Bündniskraft können wir gemeinsam kämpfen, ohne unsere eigentlichen Ziele und unseren eigentlichen Gegner nicht aus den Augen zu verlieren.

F: Welche Schwerpunkte setzt ihr in der nächsten Zeit?

Vor kurzem jährte sich Stonewall zum 53. Mal. Wir wollen dem Aufstand gedenken und den Jahrestag mit revolutionären Perspektiven füllen, also ein antikapitalistisches Angebot zusätzlich zum CSD etablieren. Dazu laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, wir haben verschiedene Materialen vorbereitet, von Stickern bis zu Flyern und unsere Arbeit mit einer Kampagne in den sozialen Medien festhalten. In dieser Kampagne stellen wir unsere Standpunkte vor, gedenken verschiedenen Revolutionär:innen und gehen auf Gewalt, die Widerstände dagegen und die Hintergründe dieser ein.

Wir werden als Organisation nicht nur an den Sichtbarkeitstagen auf der Straße stehen, sondern dann, wann und wo es uns passt. Wir werden weiterhin soziale Angebote mit LGBTI+ Cafés, Vorträgen und Workshops schaffen. Wir waren als neue Organisation auch auf dem Ivana Hoffmann Festival vertreten und protestierten gegen das G7-Gipfeltreffen in Bayern.

Uns steht eine aufregende neue Zeit bevor, in der die Organisation wachsen und sich finden kann. Wir haben sehr hohe Ansprüche an uns und an unsere Arbeit, das wird sich sehr bald schon bezahlt machen, wenn der Kampf von LGBTI+ Personen eine neue Ebene erreicht. Schließt euch unserem Kampf an, werdet aktiv und lasst uns zu den LGBTI+ Revolutionär:innen werden, die der Kampf braucht! Kommt zu den Stonewall Aktionen, zu unseren Cafés und schreibt uns, wenn ihr interessiert an uns und unserer Arbeit seid.

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