Vom Scheitern und Erfolg einer Betriebsratsgründung

Ich war für ein Jahr lang Erzieherin in einer Krippe bei einem freien Träger. Ein aufregendes Jahr. Ein Jahr, in dem ich viel gelernt, aber auch häufig den Kopf über die Dreistigkeit des Arbeitgebers geschüttelt habe, ab und zu vor Erschöpfung dachte ich gebe auf, aber insbesondere viel gelacht habe in einem tollen Team. Meine Zeit in dieser Einrichtung endete nicht freiwillig und wie es so vielen anderen geht, verlor ich meinen Job aufgrund von Arbeitskämpfen.

Die Arbeit in einer Krippe bedeutet viel Beziehungsarbeit, die Kinder müssen Vertrauen zu uns aufbauen können. Wir müssen sie wickeln, waschen, zum Teil füttern, viel trösten und das Heimweh nehmen. Ihnen etwas von der Welt zeigen, ihnen Tipps geben, wie sie ihre Kleidung am einfachsten an- und ausziehen können und am wichtigsten ihnen den Krippentag mit viel Spaß verschönern.

Die Arbeitsbedingungen, um diese und weitere Aufgaben für alle zufriedenstellend zu erledigen, waren bei uns meistens mies. An schlechten Tagen war man zu dritt für 20 Kleinkinder da. Manchmal fiel dann noch die unabdingbare Hauswirtschaftskraft aus. Gesetzliche Pausenzeiten machte man häufig mit schlechtem Gewissen. Vorbereitungszeiten wurden einfach missachtet oder in den Abendstunden nachgeholt. Regeneration, um am nächsten Tag einigermaßen erholt von vorne beginnen zu können, verlegte sich aufs Wochenende. Freizeit braucht man nicht, wir Frauen machen den Job ja gerne!

Bei uns im Team kam zusätzlich noch die sonderbare Situation hinzu, dass beide Leitungen über Monate hinweg ausfielen. Das mag zuerst nach einer guten Sache klingen: Arbeiten ohne direkte Vorgesetzte und als Team Entscheidungen treffen. Wäre es auch, wenn wir genügend Leute dafür wären. Wir wurden einzeln aus dem Kinderdienst rausgezogen, haben Dienstpläne geschrieben, E-Mails beantwortet, rechtlich die Verantwortung übernommen. Das aber ohne weitere Fortbildungen, ohne zusätzliche Entlohnung, ohne zusätzliches Personal. Die Folgen waren gravierend. Einzelne Kolleginnen erlebten Überforderungen und enormen Druck, den sie vom Träger kriegten. Die Stimmung im Team drohte zu kippen. Plötzlich tröstete ich zusätzlich zu den Kindern auch meine Kolleginnen und bestärkte sie, dass alles wieder besser wird. Wir beschwerten uns, wir führten Gespräche, schrieben Briefe, informierten uns. Die Antwort vom Träger war: „Wir müssen unsere Mitarbeiter im Schacht halten“. Leider haben sie das geschafft, aber nicht ganz!

Eine Möglichkeit, um Mitbestimmung auf der Arbeit zu ermöglichen, ist ein Betriebsrat (BR). Er ist bei Weitem keine revolutionäre Institution. Er ist so weit gesetzlich verankert, dass seine Funktionen eher eingeschränkt sind als weitreichend. Ein Betriebsrat ist aber dennoch ein demokratisches Instrument, um auf der Arbeit gleiche Bezahlung und gleiche Fortbildungsmöglichkeiten einzurichten und in Zusammenarbeit mit den Arbeiter:innen das Schichtmodell festzulegen. Außerdem hat er das Recht, über jede Einstellung, Kündigung und Versetzung mitzubestimmen. Im besten Fall läuft dies alles im Sinne der Arbeiter:innen. Das dem nicht immer so ist, zeigt beispielsweise Amazon, das eine Menge Geld in die Hand nimmt, um den Betriebsrat mit arbeitgeberfreundlichen Mitgliedern zu besetzen. Die Regelungen, die in einem BR mit so einer Zusammensetzung getroffen werden, widersprechen dem eigentlichen Gedanken.

Das Recht, einen Betriebsrat zu gründen, haben alle Arbeiter:innen, die in einem Betrieb mit mindestens fünf Angestellten arbeiten. Mein Träger zählt nahezu 300 (und bezeichnet sich selbst noch immer als klein). Dass es keinen Betriebsrat gibt, habe ich schon in meinem ersten Monat erfahren. Wir bekamen irgendwelche Vorlagen über unsere Überstunden, die uns allen nicht ganz korrekt erschienen. Meine damals mir noch recht unbekannten Kolleginnen lachten nur und verneinten meine Frage nach einem BR. Vermutlich begann in diesem Moment der Gründungsprozess, der letztlich scheiterte und gleichzeitig so viel Erfolge hatte.

Erst mal startete ich damit, mir eine Menge an Wissen anzueignen. Was ist ein BR, was kann er und vor allem was nicht, wie läuft die Gründung ab, was muss man beachten und ab wann kann der Arbeitgeber einem Schwierigkeiten verursachen? Ich nahm Kontakt mit Gewerkschaften auf, die alle Begeisterung zeigten, aber wirkliche Unterstützung auch nicht gaben. Ich erstellte einen Flyer mit Informationen und einer E-Mail-Adresse, um die Kolleg:innen aus anderen Einrichtungen zu erreichen. Auch ein Treffen mit mehreren Kolleg:innen hat stattgefunden, um den weiteren Prozess zu planen.

Das alles ist sehr zeitaufwendig gewesen und in den meisten Lebensumständen nicht tragbar. Ich hatte das Glück, dass ich nur Teilzeit arbeiten musste und keine Angehörigen zu pflegen habe. Ich hatte das Glück, dass ich mit Leuten in meinem Umfeld darüber sprechen und mich austauschen konnte.

Das Erreichen aller Kolleg:innen gestaltete sich als große Herausforderung. Wir waren in über 20 verschiedenen Einrichtungen verteilt, innerhalb eines halben Bundeslandes. Meine direkten Kolleg:innen kannten nur vereinzelt welche aus anderen Einrichtungen. Alle mitzunehmen, ohne dass der Träger davon etwas erfährt, war also unmöglich. Ich war zwar bereit, das Risiko einzugehen und den Job zu verlieren. Es auszusprechen war dann aber doch einfacher als die direkten Konsequenzen zu erfahren.

Der Gründungsprozess scheiterte an verschiedenen Punkten, die vermutlich interessanter an dieser Stelle sind als das konkrete Vorgehen. Zum einen habe ich bereits erwähnt, dass ich in der guten Lage war, Zeit neben meiner Lohn- und Hausarbeit zu haben, um mich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Im Kitabereich arbeiten hauptsächlich Frauen, die bekannterweise nicht nur 40 Stunden die Woche für ihren Lohn schuften, sondern im Anschluss noch ihre eigenen Kinder und Angehörige zu versorgen haben. Viele meiner Kolleg:innen leben in traditionellen Familiengefügen, in denen sie sich nicht unbedingt unwohl fühlen, aber eben wenig Zeit für anderes bleibt als die Aufgaben, die die Gesellschaft ihnen zutraut.

Ein anderer Punkt war die Vereinzelung der Einrichtungen. Gespräche, die ich direkt mit Kolleg:innen geführt habe, führten zu mehr Verständnis und Begeisterung für die Sache, als die, die über Mail oder andere Wege geführt wurden. Ich merkte, um diese zu führen, braucht es vor allem persönliche Kontakte und auch eine gewisse Vertrauensbasis.

Kommen wir zum wohl wichtigsten Punkt. Häufig habe ich das Wort „Ich“ beim Schreiben verwendet, wobei hier ein Agieren von mehreren angebracht wäre. Um einen BR aufzubauen, braucht man am besten ein Kernteam. Ich hab versucht, dieses aufzubauen, aber außer dem Hausmeister, der zumindest anfangs Feuer und Flamme war und ohne ihn nie die Flyer an fast alle Kolleg:innen gekommen wären, hat leider niemand selber Aufgaben übernommen oder Initiative ergriffen. Das lässt sich auch einfach mit den ersten beiden Gründen verstehen. Der Satz „ich fänds wirklich wichtig und gut, wenn wir hier einen BR hätten, ich habe aber leider keine Kraft und Zeit mich darum zu kümmern“ fiel zu oft, auch wenn er mehr als berechtigt ist. So übernahm ich ungewollt die antreibende und ausführende Funktion. Die anderen ließen sich maximal mitziehen, bis dann Dezember 2020 mein Vertrag auslief und ich drei Wochen vorher erfahren habe, dass sie für mich, eine Erzieherin, keine Verwendung mehr im Träger hätten. Ich ging. Eine Kollegin unternahm noch einen Versuch, aber erfuhr Ähnliches. Die Kolleg:innen sind zu ausgebrannt, um neben ihrer ganzen Arbeit noch für sich selbst einzustehen. Woher auch die Kraft dafür nehmen?

Doch der Prozess und die Arbeit hatte, wie oben gesagt auch eine Menge Erfolg. Ich konnte in meinem direkten Team Entwicklungen beobachten, über die ich heute sehr stolz bin. Der oben beschriebene Zustand über unsere Arbeitsbedingungen wurde plötzlich nicht mehr hingenommen. Kolleg:innen merkten, wie wichtig ihre Arbeit für den Träger ist und dass sie was an ihren konkreten Bedingungen verändern können, wenn sie möchten. Während des Jahres hatten viele die Schnauze voll und kündigten. Auch wenn das für den Prozess des BR hinderlich war, ich konnte es ihnen nicht verübeln, für die gleiche Arbeit mehr Geld woanders zu kriegen, in der Hoffnung auf zusätzlich bessere Arbeitsbedingungen.

Ob sich beim Träger nachhaltig was verändert hat, bezweifle ich. Dafür war die Verwaltung zu überzeugt von sich selbst. Bei manchen Kolleg:innen aber bestimmt! Ich hoffe sehr der Samen des Arbeitskampfes wurde bei ihnen gepflanzt und er entwickelt sich weiter, egal bei welchem Träger sie arbeiten.

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