Rezension zu dem Film: Rise Up

„Manchmal bekomme ich Panikattacken, wenn ich zu viele Nachrichten schaue. Mit der drohenden Klimakatastrophe steht die Menschheit vor dem schleichenden eigenen Untergang und es müsste so unendlich viel getan werden. Und das gerade jetzt, wo ich kurz davor stehe, aufzugeben.“

„Rise Up“ ist ein Dokumentarfilm, welcher uns die Geschichten historischer sowie aktueller Aufstände und Revolutionen durch die Porträts fünf unterschiedlicher Personen nahebringt und sich damit auf die Suche „nach Antworten auf die überwältigenden Fragen unserer Zeit“ begeben möchte.

Da ist Shahida Issel, die aktivistisch dabei mitwirkte, das Apartheidsregime in Südafrika zu Fall zu bringen. Camila Cáceres, eine chilenische Feministin, wird während der landesweiten Aufstände begleitet. Die Arbeit von Kali Akuno, Organizer in den USA und aktiv in der Schwarzen Selbstverwaltung, wird gezeigt. Aus Deutschland werden Judith Braband, linke Oppositionelle in der DDR, sowie Marlene Sonntag vorgestellt, die sich für die Frauenrevolution in Rojava einsetzt.

Als Verbindungselemente dieser verschiedenen Persönlichkeiten dient die nicht personifizierte Erzählstimme, von der auch das Eingangszitat stammt. Sie berichtet von der zunehmenden Verzweiflung in Zeiten immer häufiger werdender Krisen, davon, nicht ausbrechen zu können aus dem Hamsterrad des Kapitalismus, von aufkommenden Fragen bezüglich der eigenen Rolle im globalen System und den Möglichkeiten, welche sich dadurch bieten. Sie stellt damit zu Beginn die Perspektive einer eher unpolitisierten, aber dennoch kritisch denkenden vereinzelten Person dar, welche von Unzufriedenheit und Zukunftsängsten geplagt nach Antworten sucht, aus diesem Gefühl auszubrechen. Genau solche Menschen versucht „Rise Up“ anscheinend anzusprechen – der Titel bietet hier bereits die Antwort: erhebt euch, zeigt Widerstand, organisiert euch. Im Laufe des Films ändert sich die Stimmung in eine hoffnungsvollere.

Die Geschichten der Protagonist*innen werden außerdem durch geschickte Bildschnitte alltäglicher, beiläufiger Situationen miteinander verwoben – das Zubereiten einer Mahlzeit, das Drehen einer Zigarette. Generell überzeugt der Film durch markante Bilder und

atmosphärisch Szenen der Massenbewegungen, die entsprechend musikalisch unterstützt werden, zum Beispiel von „Outta Road“ von KT Gorique.

Die Bildgewalt, die Atmosphäre und die Motivation zum politischen Engagement – dies sind eindeutig die Stärken von „Rise Up“. Während der Vorstellung im Kino wurde die Lust geweckt, am liebsten sofort aufzustehen und eine Revolution zu starten (bei der Premiere wurden direkt auch Streichhölzer verschenkt!).

Gleichzeitig ist der Film nicht glorifizierend oder idealistisch – es gibt auch leise Töne, Selbstzweifel. So stellte sich beispielsweise die Sozialistin Judith Braband die Frage, ob sie damals vor der „Friedlichen Revolution“ zu zögerlich gewesen seien, das Ruder hätten an sich reißen müssen, bevor die Bürgerlichen den Kampf für den Systemwechsel in der DDR übernahmen und sich dem Kapitalismus anbiederten.

Genau diese Zweifel – „Ist es genug? Handeln wir richtig?“ – kennen bereits Politisierte und Organisierte. Für weiteren, insbesondere informativen Input sorgt der Film allerdings nicht. Das System Kapitalismus wird sehr oberflächlich betrachtet, die Erklärung der politischen Hintergründe der verschiedenen Revolutionen bleiben weitestgehend aus, tiefgehende Analysen gibt es nicht. Doch darauf zielt der Film auch gar nicht ab, es geht womöglich viel mehr darum, noch nicht organisierte Menschen zu motivieren, endlich tätig zu werden.

Beantwortet der Film die „überwältigenden Fragen unserer Zeit“? Nein, es wird keine klare Antwort geliefert, was nun zu tun ist, außerdem bleibt unklar, was genau die überwältigenden Fragen sind. Dieses Marketing war also etwas hochgegriffen, allerdings ist es ja durchaus sympathisch und auch typisch links, keine einfachen Antworten auf große Fragen geben zu können. Diskussionen regt „Rise Up“ dennoch an. Wie können wir aus anderen bestehenden und vergangenen Kämpfen lernen? Was haben wir bereits erreicht und wo wollen wir hin? Wie können wir unsere Kämpfe besser verbinden?

Insgesamt ein empfehlenswerter Dokumentarfilm eines unterstützenswerten kleinen linken Filmkollektivs, der zwar Fragen offen lässt, aber stimmungsvolle Bilder und inspirierende Kämpfer*innen zeigt, von denen wir noch einiges lernen können.

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