Buchrezension Bewohnte Frau

„Ich wollte dir auch noch sagen, dass du, egal, was geschehen mag, immer auf mich zählen kannst. Ich habe dich sehr lieb, wie man eine Schwester liebt. Ich weiß, dass dies alles für dich wahnsinnig schwer ist, aber ich weiß auch, dass du daraus stärker hervorgehen wirst. Ich, die ich dich so viele Zweifel und Schwierigkeiten habe überwinden sehen, habe genug Grund, dir zu vertrauen, dich zu achten. Du hättest dein bequemes Leben einfach weiterführen könne, aber du hast dich dafür entschieden, mit uns zusammenzugehen, alles zu riskieren, dein Leben aufs Spiel zu setzen. Das hat viel zu bedeuten, und ich verspreche dir, dass ich mich für deine Beteiligung an der Aktion einsetzen werde, um deiner eigenen Verdienste willen, nicht weil Felipe dich darum gebeten hast, sondern weil du es verdienst.“

Ich weiß, dass dieses Zitat ein sehr langes Zitat für eine Buchrezension ist, aber für mich ist es das Herz der Geschichte über Lavinias Widerstand. Das Buch Bewohnte Frau wurde mir von einer Genossin empfohlen in Zeiten als ich etwas unsicher wurde. Die politische Arbeit fing an zu einer Last zu werden, hinzu kamen Probleme und Sorgen seitens des Studiums, der Familie und der Selbstzweifel. Eine Hürde, die mir schwer fiel zu überwinden. Doch dieses Buch schuf wieder viel Hoffnung. Die Geschichte beginnt damit, wie die bewohnte Frau in einem Orangenbaum die Umgebung wahrnimmt. Diese Frau, ihr Name Itza, kämpfte im 16.Jahrhundert gegen die spanischen Kolonialherren und lebt nun in diesem Orangenbaum in einem Garten. Dieser Garten gehört zu einem Haus, in dem Lavinia lebt. Ihre Geschichte beginnt mit ihrem ersten Arbeitstag in Faguas als Architektin. Die Geschichte dieser beiden Frauen ziehen sich als zwei Stränge durch das gesamte Buch.

Lavinia arbeitet in der Architektur und führt ihr Leben als unabhängige bürgerliche Frau. Ihre persönliche Rebellion liegt genau darin sich in ihrer Arbeit den anderen Männer gegenüber zu beweisen, unverheiratet zu sein und nicht das Leben einer Hausfrau zu leben. Dabei ist die Situation im Land zugespitzter denn je: Der Große General lässt US-imperialistische Invasionen, Kapitalisten in das Land rein und macht damit jede Menge Geld. Jeder Versuch an Widerstand wird mit voller Brutalität niedergeschlachtet. Damit will aber Lavinia nichts zu tun haben. Sie schaltet auf dem Weg zur Arbeit das Radio aus, das von der Befreiungsbewegung berichtet. Dabei ist sie bei Spaziergängen und Arztbesuchen immer wieder mit der Armut und der Misere der Bevölkerung konfrontiert. Und ihr wird bewusst, dass ihre Arbeit als Architektin dazu beiträgt, dass der große verarmte Teil der Bevölkerung vertreiben wird, um die Bauarbeiten zu ermöglichen. An der Stelle treffen die zwei Erzählstränge von Itza und Lavinia aufeinander: Als Lavinia Orangen vom Baum pflückte und ihren Saft trank, begann ihr revolutionäres Bewusstsein sich zu entwickeln.

Da gibt es einen Kollegen, den sie besonders mag: Felipe. Felipe ist ein Mann mit zwei Seiten: einerseits ist er warm, charmant und liebevoll. Im nächsten Moment wird er distanziert, kalt und abweisend. Lavinia genießt die Zeit mit ihm und findet ihn besonders mysteriös. Ab und zu mal verschwindet er, weil er zu seinen Studierenden an der Universität muss. Ziemlich schnell entwickelt sich aus den beiden eine Liebesbeziehung. Aus dieser Liebesgeschichte wird aber eine Geschichte der revolutionären Befreiungsbewegung. Felipe zieht Lavinia in einer Notsituation in die Bewegung rein. Sie ist komplett außer sich, will sich davon distanzieren und ist sauer auf ihn. Doch mit der Zeit sieht sie die Notwendigkeit des Widerstandes und scheint interessiert zu sein. Doch ihr liegen sehr viele Hürden auf dem Weg zu einer Companera. Wieso sollte sie ihr Leben im Wohlstand aufgeben? Welchen Sinn hat diese Befreiungsbewegung, wenn sie gegenüber der Repression machtlos ist? Mit der Zeit und mit ihrem Klassenbewusstsein nimmt sie in der Bewegung eine sehr besondere Rolle ein, wo sie als Revolutionärin weiterhin im Bürgertum leben soll.

Durch die Motivation und Genossenschaftlichkeit seitens ihrer Companeras und Companeros macht sie große Sprünge. Ihr macht es Angst, wie ihr früheres bürgerliches Ich ihr aktuelles Ich nicht erkennen kann. Auch die Liebesbeziehung zwischen Lavinia und Felipe wird ihr immer wieder zum Verhängnis. Dennoch überwindet sie ihre bürgerlichen Eigenschaften und wird ein dynamischer Teil der Befreiungsbewegung. Das besondere ist: die Bewegung befindet sich in der Illegalität und die Repression war voller Brutalität, welche im Buch teils beschrieben wird. Sowohl von Lavinia als auch von Itza werden die Schwierigkeiten einer revolutionären Frau beschrieben und gebrochen. Wieso sollte ich mich für die Revolution, statt für das bürgerliche Leben mit Versprechen auf Wohlstand entscheiden? Welche Rolle spielen meine Geschlechtsgenossinnen für mich? Was bedeutet es als revolutionäre Frau eine romantische Beziehung zu führen? All diese Fragen finden wir auch jeden Tag in der Organisierung. Die Geschichte greift sehr viele Bereiche auf, die auch wir immer wieder erleben. Sicherlich befinden wir uns die im bewaffneten Kampf der Stadtguerilla, aber im Kern kämpft Lavinia wie viele von uns mit inneren Konflikten und Hürden, die einen an der eigenen Entwicklung hindern. Aber sie zeigt uns wie diese Steine im Weg übersprungen werden können.

Den Rest der Geschichte werde ich nicht spoilern, da sie zu schön ist, um sie als Leser:in nicht selbst zu erfahren. Sie greift aber sowohl in der militanten Praxis, als auch im revolutionären Bewusstsein alle Fasetten auf. Besonders schön fand ich Lavinias Freundschaft zu ihrer weiblichen Companera, die im Zitat zu Lavinia spricht. Solch eine Genossenschaftlichkeit und Liebe zeigt immer wieder, wie wichtig es ist einander zu vertrauen, die Entwicklung der Genoss:innen wie die eigene zu durchleben und jeden Tag einander zu lieben als wäre es der letzte Tag.

All diese Aspekte sind der Grund wieso das lange Zitat oben einer meiner Lieblingsteile sind. Lavinia war sich teils unsicher über ihre Praxis, aber ihre Companera beschrieb ihr ihre Entwicklung ihren Mut und ihre Entwicklung als revolutionäre Frau. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Sie basiert auf die Frente Sandinista de Liberacion (deutsch: Sandinistische Nationale Befreiungsfront) in den 1970ern, die damals als Guerilla-Organisation gegen die Somoza-Diktatur agierte. Ich empfehle das Buch grundsätzlich allen Personen, die Interesse an politische/revolutionäre Romane haben. Vor allem interessant ist es aber für Frauen, die sich unsicher über ihr bürgerliches und revolutionäres Leben sind. Dieses Buch zeigt, dass niemand eine „reine“ Revolutionäre sein kann, aber die Schritte und Sprünge dorthin elementar ist, um Kapitalismus, Imperialismus und Patriarchat organisiert zu bekämpfen und der Befreiung jedes Mal ein Stück näher zu kommen.

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