Neues Jahr, Neues Glück? – Selber Kampf und noch mehr Entschlossenheit

Ein weiteres Jahr neigt sich dem Ende zu. Den Monat Dezember füllen nicht allein Weihnachtslieder und Glühwein. Es ist zugleich ein Monat, in welchem wir Menschen uns und das vergangene Jahr vor Augen führen und eine Zwischenbilanz ziehen. Sind wir den Zielen der Frauenbefreiung näher gekommen? Oder werden wir das neue Jahr noch bevor es beginnt mit neuen Vorsätzen füllen? Die einen, die sich vornehmen mit dem Rauchen aufzuhören, die anderen, welche die Uni diesmal wirklich ernst nehmen wollen und so weiter. Der marxistische Philosoph Antonio Gramsci hasste das Neujahr. „Ich möchte, dass jeder Morgen für mich ein Neujahr ist. Jeden Tag will ich mit mir selbst abrechnen, und jeden Tag mich erneuern.“ sagte er mal im Bezug auf genau das, was wir Menschen jedes Jahr aufs Neue tun. Auch wenn wir Gramsci recht geben und jeden Tag als Möglichkeit für Erneuerung sehen, möchten wir den Übergang zum neuen Jahr dafür nutzen, um erneut daran zu erinnern, welche Abrechnung wir noch mit dem Staat haben. Denn wieder einmal lassen wir ein Jahr hinter uns, welches uns darin bestätigt, dass wir uns als Frauen nur durch die Organisierung und Vollziehung der Frauenrevolution befreien werden. Lasst uns gemeinsam an die Erlebnisse aus 2022 erinnern und uns vor Augen führen welche Perspektiven uns zu sich rufen. 

Zohra, Ece, Malina, Kerstin, Ayleen, Sandra, Judith, Hanna..

Einige 14 Jahre, andere 30. Sie kannten sich nicht und doch verbindet sie viel. Sie wurden alle zum Teil einer langen Liste an Femiziden, die unsere Schwestern aus unseren Reihen gerissen haben. Die Zahl der bekannten Frauenmorde im Jahr 2022 in Deutschland beträgt 115. Gleichzeitig sehen wir eine LGBTI+ Feindlichkeit, die seinen Höhepunkt in der Ermordung von Malte auf der Pride Parade in Münster zeigte. Während die Zahl der Femizide immer mehr steigt, entschied die schwarz-grüne Regierung in NRW kurz vor dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, dass die Gelder für gewaltbetroffene Frauen im Jahr 2023 um 2 Millionen Euro gekürzt werden sollen und somit Frauenberatungshäusern weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen werden. Die Energiekrise ist nicht vorbei und die Gaspreisbremse wird uns nicht retten. Die Inflation ist weiterhin bei über 10 % und die Lebensmittelpreise steigen. Die, die dies als erstes zu spüren bekommen, sind welch Überraschung wir Frauen. Doch gleichzeitig sehen wir, wie weltweit in vielen Regionen die Proteste gegen die Krisen, die wir erleben, steigen und uns vereinen. Von Indien bis London, Arbeiter:innen fordern lautstark ihre Rechte ein und lassen sich nicht mit Floskeln ruhig stellen.

Weltweit sehen wir aber auch wie Rechte von Frauen unter Beschuss stehen. Sei es der Angriff auf das Abtreibungsrecht der Frauen in den USA oder das Recht auf Bildung der Frauen in Afghanistan. Die Errungenschaften jahrzehntelanger Kämpfe wurden im Jahr 2022 aus unseren Händen gerissen. Doch mutige Organisationen wie beispielsweise „Rawa“ wehren sich und halten die Widerstände hoch. Der sich zuspitzende Faschismus in der Türkei zeigt seine aggressivste Art gegen Unterdrückte und vor allem Frauen. Doch sie kämpfen, denn eine andere Alternative gibt ihnen ein Staat nicht, der sie mit ihren Vergewaltigern verheiratet, wenn sie nicht bereits ermordet und verbrannt wurden. Erinnert euch an die Bilder der Frauen, die ihre Fußfesseln brachen und für ihre Freiheit furchtlos einstanden. Während der türkische Faschismus seine Angriffe auf die demokratische Revolution und insbesondere Frauenrevolution in Rojava fortsetzte, verteidigten sie unter schweren Bedingungen ein weiteres Jahr das Leben, welches sie sich geschaffen haben. Der revolutionäre Funke im Mittleren Osten schwappte auch nach Rojhîlat, Ostkurdistan und mit ihr in den Iran über. Jîna Amînî’s Name brannte sich in unser Gedächtnis ein, denn sie symbolisiert die Gewalt die Frauen erleben und zugleich den Widerstand, den wir weltweit vereint führen. Tausende von Gefangenen, Ermordungen und Hinrichtungen konnten die Frauen nicht davor zurückhalten ihre Wut gegen das Mullah-Regime auf die Straßen Teherans zu tragen. Ein Aufstand, welcher den Mittleren Osten ins Schwanken brachte und uns noch einmal zeigte, welche Dynamik der Frauenbefreiungskampf in sich trägt. Der rassistische Anschlag in Paris brennt noch in unseren Herzen. Evîn Goyî (Geburtsname Emine Kara) lebt in den Widerstandsklängen von uns Frauen weiter! Im Zehnten Jahr der Ermoderung der kurdischen Aktivist:innen Sara, Rojbîn und Ronahî in Paris müssen wir wieder einmal unsere Trauer zur Wut entwickeln – Tausende Demokrat:innen und Revolutionär:innen füllten die Straßen und sagten dem Faschismus in Europa und in der Türkei den Kampf an.

Wir sehen ein Jahr, gefüllt von Kriegen, Krisen und Femiziden. Doch zugleich sehen wir ein Jahr, welches uns wieder einmal darin bestätigte, dass wir uns im Jahrhundert der Frauenrevolution befinden. Wenn wir Frauen wollen, steht die Welt still. Die Ermordung von Jîna brachte uns Frauen in allen Kontinenten in zahlreichen Städten auf die Straßen. Weltweit kämpfen wir gegen unsere Ermordung und Ausbeutung an. Das Jahr 2023 wird kein Neubeginn. Wir setzen an dem an, was wir bereits geschaffen haben. Doch wenn wir eine Zwischenbilanz zu ziehen haben, dann dass die Frauenaufstände weltweit uns die Hoffnung für Veränderung geben. Um dies zu schaffen brauchen wir Frauenorganisierung. Während sich der internationale Frauenkampftag, der 8.März annähert, müssen wir Frauen uns noch mehr bemühen, um unsere Frauenorganisierung zu stärken. Die internationale Solidarität hat in dieser Zeit umso mehr Bedeutung und ruft uns dazu noch viel mehr auf voneinander zu lernen. Die Inflation, der Krieg und die Gewalt an Frauen begegnet uns in allen Bereichen des Lebens. Wieso sollten wir dem nicht in all diesen Bereichen unsere Frauenorganisierung entgegenstellen? In der Uni, auf der Schule, im Krankenhaus, im Büro, in der Familie oder im Freundeskreis. Die Idee der Frauenbefreiung muss sie alle in ihrem Leben berühren. Zwischen all der Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit, mit welcher die Menschheit in das neue Jahr blickt, ist es unsere Verantwortung noch mehr Rechenschaft mit dem Staat zu ziehen und jeden Tag im neuen Jahr für die Frauenrevolution zu organisieren. Mit noch mehr Entschlossenheit und noch mehr Mut!

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