Schulbericht: Das Leben als organisierte Frau und Schülerin

Hallo, mein Name ist Hêlîn und ich gehe auf ein Gymnasium in Berlin. Ich bin seit circa zwei Jahren politisch interessiert und seit 11 Monaten auch bei Zora organisiert. Meine Erfahrungen damit, mich politisch offen in der Schule einzusetzen, sind jedoch nicht nur positiv. Die Schule wird uns oft als ein neutraler Ort vorgestellt, in dem alle gleichgestellt lernen sollen. Jedoch bestehen die Lehrpläne entweder aus Theorie, die in einem Leben innerhalb dieses Systems keinem Menschen weiterhelfen oder aus dem Glorifizieren des Kapitalismus und des Patriarchats. 

Lehrkräfte sind oftmals interessiert, wenn ich ihnen sage, dass ich mich politisch engagiere. Sie machen den Eindruck, sich darüber zu freuen, bis sie von meiner politischen Einstellung erfahren. Die Institution Schule akzeptiert oftmals liberale Organisationen und unterstützt derartige Aktionen, wie zum Beispiel „Fridays for Future“. Wenn es jedoch zu ernsthaften systemkritischen Ansichten kommt, sind Lehrer:innen aufgrund ihrer bürgerlichen Ideologie oft abgeschreckt. Besonders bei Themen, die ihnen zu militant vorkommen. 

Bei Themen wie Palästina, versuchen die Lehrkräfte das Thema zu wechseln oder uns migrantischen Schüler:innen Antisemitismus vorzuwerfen; ein typisches Argument liberaler Propaganda, um den Apartheid-Staat rechtzufertigen. Während sie den Krieg in Ländern wie Palästina und Kurdistan totschweigen, gibt es große Solidarität bei allem, was die EU betrifft. Besonders hier in Berlin sind die Schulen voll mit migrantischen Schüler:innen, die oder deren Eltern aus Kriegsgebieten kommen. Von fast allen dieser Kriege profitieren EU-Mitgliedsstaaten, vor allem die BRD, beispielsweise durch den Waffenverkauf in diese Gebiete. Nichtsdestotrotz wird die EU beschönigt und die Bedürfnisse und Wünsche der Schüler:innen, wie eine objektive Aufarbeitung der Geschehnisse in ihren Heimatsländern, nicht wahrgenommen. Man merkt regelrecht, wie die imperialistischen Einflüsse bis in das Klassenzimmer reichen: Was die bürgerlichen Ideologen für richtig halten, wird uns vorgebetet. Ansichten, die dann zu links erscheinen, werden dämonisiert. 

Trotzdem wird die Schule stets als Ort der Vielfalt und Meinungsfreiheit dargestellt.
Als organisierte junge Frau ist politische Arbeit für mich überall, weshalb es auch meinen Alltag darstellt in den Diskurs mit den Lehrkräften zu gehen. In einem Elterngespräch erklärte mir dann jedoch eine Lehrerin, dass es negativ auffalle, wie oft ich meine Meinung sage und damit Unmut verbreiten würde. Schüler:innen, die sich politisch liberal äußern, werden jedoch stets als klug und offen aufgefasst. Das zeigt wieder einmal, dass so bald bürgerliche Ideologien angeprangert werden, es Bewegung gibt.
Es machte mich zuerst wütend, denn ich finde nicht, dass ich mir meine Positionen verbieten lassen muss. Aber es hat mich wiederum auch angespornt weiterzumachen und meine Positionen weiter zu äußern. 

Wenn es um Mobilisierung an meiner Schule geht, ist es relativ unterschiedlich.
Die Mitschüler:innen und Lehrkräfte nehmen gerne Flyer an und reden darüber, aber teilweise wird Material auch einfach in den nächsten Mülleimer geworfen. Doch in der letzten Zeit gab es auch Interesse durch einen Vortrag mit dem Thema „Frauenrevolution und internationaler Frauenkampf“, den wir als Zora an meiner Schule organisiert hatten. Dieser Vortrag hat besonders das Bewusstsein der jungen Schülerinnen gefördert, patriarchales Verhalten nicht zu akzeptieren. Ich gehe gerne in Gespräche und tausche mich mit meinen Mitschüler:innen über Themen aus. Sie schrecken wegen der liberalen Propaganda aber auch teils vor Begriffen, wie Frauenrevolution oder Klassenkampf, zurück. 

Insgesamt merke ich, dass die politische Arbeit als junge Frau verschiedene Seiten hat. Doch meine Organisation und Genossinnen geben mir Kraft und ich freue mich an meiner Schule weiterhin als junge antikapitalistische Frau aktiv zu sein. 

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